Back to the Roots: Warum Harvey Kurtzman das alleinige Genie hinter den ersten 23 US MAD-Ausgaben war

0
4

Ein Deep-Dive in die Entstehungsgeschichte unseres Lieblingsmagazins: Von „Melvin“, Horror-Parodien und dem Moment, als Alfred E. Neuman noch keinen Namen hatte.

Illustration im Retro-Comic-Stil der 50er Jahre: Harvey Kurtzman sitzt mit Pfeife und Krawatte an einer alten Schreibmaschine. Aus der Maschine explodiert eine chaotische Wolke mit frühen MAD-Charakteren wie Superduperman, der Tarzan-Parodie Melvin und einer frühen Version von Alfred E. Neuman.
Aus dieser Maschine kam der pure Wahnsinn: Eine künstlerische Hommage an Harvey Kurtzman, das alleinige kreative Genie hinter den ersten 23 MAD-Ausgaben (1952–1955).

Wenn wir heute über den Erfolg von MAD diskutieren und darüber streiten, wer eigentlich die „Väter“ des Ganzen sind, fallen viele Namen. Doch blickt man auf die absolute Anfangszeit – die legendären ersten 23 Ausgaben, als MAD noch ein waschechtes Comicheft war – dann gibt es keinen Zweifel: Harvey Kurtzman gebührt der volle Ruhm. Mit Ausnahme von Ausgabe #22 und einer einzigen Seite in der #5 entsprang der komplette Wahnsinn allein Kurtzmans Gehirn.

Für uns hier in Deutschland, wo MAD erst viel später einschlug, ist es schwer vorstellbar, wie die Comic-Landschaft in den USA der 50er Jahre aussah. Während die Kioske vollgestopft waren mit Disney, DC und harmlosen Klassikern, braute sich bei EC Comics etwas zusammen, das die Popkultur für immer verändern sollte. Wer damals, vielleicht erst 1957, zum ersten Mal ein MAD in die Finger bekam, spürte sofort: Das hier ist anders. Das hier hat Wucht.

Wie alles begann: Von der Krypta zum Lachkrampf

Um die Revolution zu verstehen, müssen wir kurz zurückblicken. William M. „Bill“ Gaines hatte 1947 den Comic-Verlag seines Vaters (Educational Comics, kurz EC) geerbt. Der junge Verleger hatte wenig Lust auf die pädagogisch wertvollen Heftchen und baute den Laden radikal um. Plötzlich war EC das Haus des Horrors: Tales from the Crypt und The Vault of Horror wurden zu Bestsellern. Auch Kriegs-Comics, redigiert von einem gewissen Harvey Kurtzman, gehörten zum Portfolio.

Doch 1952 hatte Kurtzman eine Idee, die Gaines überzeugte: Ein Comic, der sich über andere Comics lustig macht. Unter dem Titel „Tales Calculated to Drive You Mad“ (Geschichten, die dich wahnsinnig machen sollen) wurde das erste Satire-Comic geboren.

Ausgabe #1: Das Gruselkabinett, in dem nichts passiert

Schon die erste Ausgabe zeigte, wo die Reise hingeht. Kurtzman und der legendäre Jack Davis nahmen sich genau das Genre vor, das EC groß gemacht hatte: Horror. Die Story „Hoohah!“ parodierte die hauseigenen Grusel-Comics. Der Clou an der Geschichte? In einem alten, finsteren Haus in einer stürmischen Nacht passiert… absolut gar nichts.

Schon hier etablierte Jack Davis eine Tradition, die wir alle lieben: Den visuellen Wahnsinn, der über die Sprechblasen hinausgeht. Auf Seite drei von MAD #1 klammert sich die verängstigte Figur Galusha panisch an die Ränder der Comic-Panels fest. Es war der erste von unzähligen Momenten, in denen MAD die „Vierte Wand“ durchbrach und sich über das Format des Comics selbst lustig machte. Auch Sci-Fi („Blobs!“ von Wallace Wood), Krimis („Ganefs!“ von Will Elder) und Western wurden gnadenlos durch den Kakao gezogen – alles geschrieben und orchestriert von Kurtzman.

Comic-Ausschnitt aus MAD #1 von Jack Davis: Eine blonde Frau klopft an eine Tür, während die Figur Galusha ängstlich hinter ihr kauert. Galusha greift dabei mit beiden Händen um den weißen vertikalen Trennstrich zwischen den zwei Comic-Panels und hält sich daran fest – ein visuelles Durchbrechen der "vierten Wand".
Comic-Geschichte geschrieben: In MAD #1 lässt Zeichner Jack Davis die Figur Galusha panisch den Rahmen zwischen den Panels umklammern. Es war der Beginn des legendären Meta-Humors, der die Grenzen des Comic-Formats sprengte.

Tarzan, Dragnet und das „Hühnerfett“

Mit Ausgabe #2 begann MAD, die breite Popkultur ins Visier zu nehmen. In der Tarzan-Parodie „Melvin!“ sehen wir den Affenmenschen mit verbundenem Fuß im Baum sitzen, während er einen Affen laust, der gerade The Crypt of Terror liest. Jane brät Grütze und hantiert mit einem Maschinengewehr, während der Dschungel von einer absurden Mischung aus St. Bernhardinern, Dodos und Drachen bevölkert wird.

Noch bevor MAD Filme parodierte, knöpfte sich Kurtzman das Radio vor. In MAD #3 erschien „Dragged Net!“, eine Parodie auf die damals populäre Krimi-Hörspielserie Dragnet. Hier zeigte sich die geniale Synergie zwischen Kurtzman und Will Elder. Elder füllte jedes Panel mit dem, was er „Chicken Fat“ (Hühnerfett) nannte – unzählige kleine Hintergrundgags, die nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun hatten, aber das Bild „fett“ und geschmackvoll machten. Ob Tic-Tac-Toe auf dem Rücken eines Verdächtigen, Napoleon-Hüte oder falsche Zähne: Hier wurden Running Gags geboren, die das Magazin jahrzehntelang prägen sollten.

Comic-Ausschnitt aus einer Dragnet-Parodie von Will Elder. Links: Zwei Detektive schreien einen gefesselten Mann unter einer 'Ultra Violent Lamp' an. Rechts: Die Gruppe steht vor einer Pizzeria. Auf dem nackten Rücken des Gefangenen sind mehrere Tic-Tac-Toe-Spiele gekritzelt.
Das berühmte „Hühnerfett“ in Aktion: Will Elder füllte jedes Panel mit absurden Details. Man beachte die Tic-Tac-Toe-Spiele auf dem Rücken des Verdächtigen – ein klassischer Running Gag, der das Bild erst so richtig „geschmackvoll“ macht.

Der Durchbruch: Superduperman!

Wenn es einen Moment gab, der MAD endgültig auf die Landkarte setzte, dann war es die Veröffentlichung von MAD #4 und der klassischen Superman-Parodie von Kurtzman und Wallace Wood. In „Superduperman!“ ist Clark Bent kein strahlender Held, sondern ein Typ, der Spucknäpfe leert. Lois Pain sammelt Perlenketten und hält Clark für einen ziemlichen Kriecher – selbst nachdem er als Superduperman seinen Rivalen Captain Marbles besiegt hat. Diese Geschichte katapultierte die Verkaufszahlen nach oben und bewies: Keine Ikone ist sicher vor MAD.

Vier Panels aus der Comic-Parodie "Superduperman!" (MAD #4). Panel 1: Der Held posiert triumphierend vor dem besiegten Captain Marbles. Panel 2 & 3: Er enthüllt seine Identität als Clark Bent gegenüber der Reporterin Lois Pain und erwartet Bewunderung. Panel 4: Lois Pain lässt ihn abblitzen mit den Worten "Yer STILL a creep!" (Du bist immer noch ein Ekel/Kriecher), woraufhin der Held enttäuscht am Boden sitzt.
Der Durchbruch für MAD: In Ausgabe #4 demontieren Kurtzman und Wood den größten aller Helden. Der Witz: Selbst mit Superkräften und nach dem Sieg über Captain Marbles bleibt Clark Bent für Lois Pain einfach nur ein „Creep“.

Kurtzmans ständige Evolution

Was Harvey Kurtzman von vielen anderen unterschied, war seine Rastlosigkeit. Er ruhte sich nicht auf dem Erfolg aus. Als das Heft monatlich erschien und mit Panic sogar Konkurrenz aus dem eigenen Haus bekam, war Kurtzman gedanklich schon drei Schritte weiter.

Er parodierte alles: 3-D Comics (in Ausgabe #12 mit einer brillanten Zeichnung von Wallace Wood, bei der die Figuren durch die Seite brechen), Zeitungen, Rennbahnen und sogar Werbeanzeigen. Besonders mutig war das Cover von Ausgabe #11, das so tat, als wäre es ein Life-Magazin. Kurtzman riskierte, dass die Fans ihr Heft am Kiosk gar nicht wiedererkennen würden. Aber genau das lehrte er seine Leser: Erwarte bei MAD immer das Unerwartete.

Der Weg zum Magazin: Der Kampf gegen den „Code“

In Ausgabe #16 nutzte Kurtzman eine Zeitungs-Parodie, um ein sehr reales Problem zu verarbeiten: Den Kampf von Bill Gaines gegen den „Comics Code“, die Zensurbehörde der 50er Jahre. Das Cover zeigte verhaftete Cartoonisten – ein düsterer Vorbote der Realität.

Ab Ausgabe #17 war MAD eigentlich nur noch der Größe nach ein Comic. Kurtzman entfernte sich immer mehr vom klassischen Panel-Layout. Es gab Textartikel, Parodien auf die McCarthy-Anhörungen im Stil einer Gameshow und Meta-Humor, der analysierte, wie man eigentlich den „MAD-Stil“ kopiert (ein Seitenhieb auf die zahlreichen Nachahmer).

Das Ende einer Ära und die Geburt einer Ikone

In MAD #21 tauchten erstmals sechs Seiten mit Parodien auf Comic-Werbung auf – inklusive Cover. Und genau auf diesem Cover sehen wir zum ersten Mal das Gesicht jenes idiotischen Kindes, das später als Alfred E. Neuman unser aller Maskottchen werden sollte.

Die letzte Ausgabe im Comic-Format, die #23, war keineswegs ein schwacher Abgesang, sondern ein Triumph. Wallace Wood und Jack Davis liefen zur Hochform auf (auch wenn Will Elder fehlte, der wohl schon für das kommende Magazin-Format zeichnete). Kurtzman brachte alte Bekannte wie „Melvin“ zurück und führte „Believe It or Don’t“ ein – eine Rubrik, die den Weg für den absurden Humor der Zukunft ebnete.

Es war das Ende der Comic-Ära, aber der Anfang von etwas noch Größerem. Harvey Kurtzman hatte in diesen 23 Ausgaben das Fundament gegossen, auf dem der Irrsinn bis heute steht. Danke, Harvey!

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein