Aus Gießen in die Schweiz: Wie ein echter Alfred E. Neuman aus der „Monstermanufaktur“ den Weg in meine Sammlung fand

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Wer wie ich seit Jahrzehnten alles rund um das deutsche MAD und Alfred E. Neuman sammelt, kennt das Ritual: Man durchforstet regelmäßig das Netz nach obskuren Sammlerstücken, alten Figuren oder Einzelstücken, die man noch nicht im Regal stehen hat. Vor einiger Zeit stieß ich bei genau so einer nächtlichen Suchaktion auf einen Facebook-Beitrag. Zu sehen waren Werkbank-Fotos einer entstehenden Alfred-Büste. Kein typischer Plastik-Merchandise-Artikel von der Stange, sondern ein fast schon unheimlich lebendiger, aus dem Leben gegriffener Alfred.

Als ich mir das Profil des Künstlers genauer anschaute, musste ich zweimal hinsehen. Der Mann hinter der Skulptur heißt Pierre Schrader und betreibt seine Werkstatt im Gießener Stadtteil Allendorf.

Die Ironie daran: Ich lebe zwar seit mittlerweile 18 Jahren in der Schweiz, bin aber in Gießen aufgewachsen und habe dort meine ersten 30 Lebensjahre verbracht. Da sucht man weltweit nach seltenen MAD-Exponaten und wird ausgerechnet in seiner alten hessischen Heimat fündig. Als Pierre und ich ins Gespräch kamen, stellte sich schnell heraus, dass wir sogar teilweise denselben Freundeskreis teilen – uns in all den Jahren in Gießen aber nie bewusst über den Weg gelaufen sind. Es brauchte erst einen zahnlückigen rothaarigen Jungen, damit sich unsere Wege kreuzen.

Vom Steinmetz zum Herrn der Monster

Pierre Schrader ist kein gewöhnlicher Modellbauer, sondern gelernter Steinmetz und Bildhauer. Wer einen Blick in sein Atelier – die „Monstermanufaktur“ – wirft, merkt sofort, dass hier klassisches Handwerk auf Spezialeffekt-Technik (SFX) aus der Filmwelt trifft. Auf dem Schrank in seiner Werkstatt klebt noch ganz traditionell das Zunftzeichen der Steinmetze und Steinbildhauer, während auf der Werkbank darunter Eimer mit Alginat, Modellierwerkzeuge, Beitel, Holzfräser und unzählige Farbtöpfe stehen.

Pierre hat sich überregional vor allem durch seine lebensgroßen, extrem realistischen Figuren und Büsten einen Namen gemacht. Wenn er mit Silikon arbeitet, wird nicht einfach ein Haarteil aufgeklebt – jedes einzelne Haar wird in stundenlanger Kleinstarbeit von Hand in die Silikonhaut eingestochen.

Schwarz-Weiß-Aufnahme einer im Entstehen begriffenen Elvis Presley Büste aus Modelliermasse mit sichtbaren Werkzeugspuren.
Klassische Bildhauerei als Basis: Eine Elvis-Presley-Büste im rohen Clay-Modell auf dem Arbeitsbock.
Realistisch bemalte Büste von Peter Lustig mit Nickelbrille und Bart auf einer Werkbank, umgeben von Fotovorlagen mit Proportionsrastern.
Blick auf die Werkbank: Zwischen Fotovorlagen mit Proportionsrastern, Alginat-Eimern und Schnitzwerkzeugen entsteht eine Büste von Löwenzahn-Legende Peter Lustig.

Wie breit sein Spektrum ist, sieht man an seinen bisherigen Arbeiten: Da entsteht auf dem Modellierbock eine klassische Büste von Elvis Presley in roher Modelliermasse, während nebenan der unvergessene Peter Lustig aus Löwenzahn samt kleiner Rundbrille und exakt getroffener Bartstruktur zwischen Fotovorlagen mit Proportionsrastern zum Leben erwacht.

Lebensgroße Silikonbüste von Meister Eder (Gustl Bayrhammer) mit Brille, Schiebermütze und gezeichnetem Pumuckl auf der Schulter, gefertigt von Bildhauer Pierre Schrader.
Täuschend echt bis zum Zollstock in der Brusttasche: Pierres lebensgroße Silikonfigur von Meister Eder (Gustl Bayrhammer) mit einzeln eingestochenen Haaren.
Bildhauer Pierre Schrader lehnt in seiner Werkstatt neben einer lebensgroßen Skulptur von Jabba the Hutt, im Hintergrund stehen C-3PO und Han Solo in Karbonit.
Größenverhältnisse in der „Monstermanufaktur“: Pierre Schrader neben seinem kolossalen Jabba the Hutt, flankiert von C-3PO und Han Solo in Karbonit.

Besonders beeindruckend ist sein lebensgroßer Meister Eder (Gustl Bayrhammer), der mit gestreiftem Hemd, Hosenträgern, Schiebermütze und dem obligatorischen Zollstock in der Brusttasche so echt wirkt, als würde er gleich anfangen, an seiner Werkbank zu schimpfen. Und wenn es eine Nummer größer sein soll, baut Pierre auch mal einen kolossalen Jabba the Hutt samt leuchtendem C-3PO und einem in Karbonit eingefrorenen Han Solo, oder restauriert und bemalt Sammlerbüsten – unter anderem für das Stars of the Galaxy Museum in Mönchengladbach.

Dass Pierre genau den richtigen Sinn für schrägen Humor mitbringt, den man auch als MAD-Leser schätzt, beweisen seine eigenen Kunstprojekte. Mit seinen „hessischen Actionfiguren“ wie Bembelmän, Handkäs’ Herbert oder dem Monster Griesos hat er die amerikanische Superhelden-Kultur herrlich durch den Kakao gezogen und in handgefertigten Kleinserien unter die Sammler gebracht. Auch vor den Heiligtümern seiner Heimatstadt macht er nicht halt: Neben einer klassischen Büste des Chemikers Justus Liebig schuf er mit der Skulpturengruppe „Die drei Stummen“ eine ziemlich treffende Antwort auf das bekannte Gießener Stadtdankmal der „Drei Schwätzer“.

„What, me worry?“ – Die Entstehung meines Alfreds

Für die Umsetzung von Alfred E. Neuman hatte Pierre ein ganz bestimmtes Vorbild im Kopf, das unter Sammlern sehr bekannt ist: die grotesk-realistische Alfred Büste des US-amerikanischen Special Effects Meisters Jordu Schell. Schells Version war schon immer die spannende Antwort auf die Frage, wie unser aller Lieblingsidiot wohl aussähe, wenn er ein echter Mensch aus Fleisch und Blut wäre.

Rohes Tonmodell einer Alfred E. Neuman Büste auf einem gelben Drehteller in einer Werkstatt, dahinter ein Ausdruck der Vorlage.
Das rohe Tonmodell auf dem Drehteller

Auf den Bildern aus Pierres Werkstatt lässt sich wunderbar nachvollziehen, wie aus einem Klumpen Modelliermasse Schritt für Schritt Charakter entsteht. Mit dem ausgedruckten Porträt des Alfred E. Neumann im Hintergrund modellierte Pierre zuerst die Grundform auf dem Drehteller. Schon im rohen Ton saßen die entscheidenden Details: die abstehenden Segelohren, das breite Grinsen mit der markanten Zahnlücke und vor allem das leicht tiefer sitzende, asymmetrische linke Auge, das Alfred seit jeher diesen unbeschreiblich debil-glücklichen Ausdruck verleiht.

Abgeformter, noch haarloser Kopf der Alfred E. Neuman Büste während der realistischen Bemalung mit blauen Augen, Sommersprossen und Zahnlücke, davor eine Farbpalette.
Bei der Kolorierung des abgeformten Kopfes kommen die Hauttöne, die Sommersprossen, die stechend blauen Augen und die berühmte Zahnlücke zum Vorschein.

Nach dem Abformen ging es an die Bemalung. Auf dem noch kahlen Kopf legte Pierre Schicht für Schicht lebendige Hauttöne an, tupfte unzählige feine Sommersprossen über den Nasenrücken und setzte die stechend blauen Augen ein, die einen direkt anzuschauen scheinen.

Fast fertige, realistische Alfred E. Neuman Büste mit roten Haaren, Zahnlücke, schwarzem Hemd und Hahnentritt-Hosenträgern auf der Werkbank.
Schritt 3: Mit dem rötlich-braunen Schopf, den widerspenstigen Augenbrauen und den leicht geröteten Augenlidern erwacht Alfred endgültig zum Leben.
Fertige, lebensnahe Alfred E. Neuman Büste von Pierre Schrader mit Schiebermütze und Hosenträgern im Hahnentritt-Muster in der Werkstatt.
Bereit für den Umzug in die Schweiz: Der fertige Gießener Alfred im kompletten Hahnentritt-Outfit samt passender Schiebermütze – rechts oben am Schrank klebt das traditionelle Zunftzeichen der Steinmetze und Steinbildhauer.

Im letzten Schritt bekam Alfred schließlich sein rötlich-braunes Haupthaar samt widerspenstiger Augenbrauen und das passende Outfit: Ein schwarzes Hemd, kombiniert mit Hose, Hosenträgern und einer klassischen Schiebermütze im schwarz-weißen Hahnentritt-Muster. Die leicht geröteten Augenlider und die Hautstruktur lassen ihn fast unheimlich lebendig wirken – man wartet förmlich darauf, dass er blinzelt.

Ein Ehrenplatz in der Sammlung

Mittlerweile hat der Gießener Alfred seine Reise in die Schweiz gut überstanden. In meiner Sammlung bekommt er keinen beliebigen Platz, sondern zieht direkt neben eines meiner absoluten Lieblingsstücke ein: die seltene, streng limitierte Warner-Bros.-Büste von Gary Mirabelle. Dort stehen sich nun zwei völlig unterschiedliche, aber handwerklich herausragende Interpretationen von Alfred E. Neuman gegenüber.

Die handgefertigte Alfred E. Neuman Büste von Pierre Schrader im Hahnentritt-Outfit steht in einem Sammlerzimmer neben einer Glasvitrine mit der seltenen Warner Bros. Büste von Gary Mirabelle, umgeben von gerahmten MAD-Originalkunstwerken.
Angekommen in der Schweiz: Pierres Gießener Alfred (rechts) an seinem neuen Ehrenplatz direkt neben der seltenen Warner-Bros.-Büste von Gary Mirabelle in der Vitrine – eingerahmt von Original-Gemälden und klassischen MAD-Exponaten.

An dieser Stelle noch einmal ein riesiges Dankeschön an Pierre für dieses großartige Unikat, den netten Kontakt in die alte Heimat und die Leidenschaft, die in jedem Pinselstrich dieser Figur steckt!

Wer sich selbst ein Bild von Pierres Arbeiten machen möchte, ein Faible für handgemachte Filmfiguren hat oder vielleicht sogar selbst ein ganz besonderes Einzelstück im Kopf hat, sollte unbedingt auf seinen Kanälen vorbeischauen:

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