74 Jahre Idiotie: USA MAD Magazin #600 – Jubiläumsausgabe mit Sergio Aragonés Cover!

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Totgesagte leben länger, und die größte Ansammlung von Bekloppten im Comic-Business feiert tatsächlich den nächsten Meilenstein. Wer hätte das gedacht? Ein Magazin, das im Grunde auf Hohn, Spott und dem Beweis basiert, dass Furzgags niemals aus der Mode kommen, hält sich seit 74 Jahren über Wasser. DC hat das Ganze nun als MAD #600 veröffentlicht – ein sogenanntes „Sexcentennial Issue“ – und damit eine Zahl auf das Cover gepackt, die für viele Fans wichtiger sein dürfte als der eigentliche Inhalt.

Wer MAD seit Jahren sammelt, wird an dieser Ausgabe ohnehin kaum vorbeikommen. Der spannendste Punkt ist nämlich nicht irgendeine Story, sondern die Rückkehr zur alten Nummerierung. Schluss mit Volumes, Neustarts und Nummerntricksereien. MAD zählt wieder durch. So wie früher. Allein dafür dürften viele Sammler erleichtert aufatmen.

Das Cover: Sergio Aragonés dreht wieder komplett auf

Schon beim ersten Blick fällt auf, warum Sergio Aragonés seit Jahrzehnten als Institution gilt. Sein Cover ist kein Cover im klassischen Sinn, sondern ein komplettes Wraparound-Motiv, das sich über Vorderseite, Rücken und Rückseite zieht.

Das vollständige Wraparound-Cover des MAD Magazins Nummer 600, gezeichnet von Sergio Aragonés, mit einer riesigen gelben Zahl 600 in einer Wimmelbild-Landschaft.
Wimmelbild-Wahnsinn in Höchstform: Das monumentale Jubiläums-Cover von Comic-Legende Sergio Aragonés für MAD #600.

Während viele Magazine heute aussehen, als hätte jemand zehn Photoshop-Effekte übereinandergelegt, liefert Aragonés genau das Gegenteil: ein dichtes, chaotisches Wimmelbild voller kleiner Gags. Alfred E. Neuman sitzt im Zentrum des Irrsinns, ringsherum tummeln sich bekannte Figuren, Anspielungen und winzige Details, die man erst beim zweiten oder dritten Durchblättern entdeckt. Man schaut hin, lacht, schaut nochmal hin und findet noch was. Das ist kein Designprinzip – das ist Aragonés.

Frischfleisch trifft Archivgold

MAD #600 teilt sich ziemlich genau in zwei Hälften auf: neue Beiträge und Material aus dem Archiv.

Ob das mutig oder pragmatisch ist, lässt sich streiten. Die legendäre „Usual Gang of Idiots“ ist längst nicht mehr vollständig an Bord, und die aktuelle Generation muss beweisen, dass MAD auch ohne viele der alten Legenden noch jemanden zum Lachen bringt – oder zumindest zum Grinsen.

Den Auftakt übernimmt Patton Oswalt mit „A Preteen’s Gateway to R-Rated Movies“. Darin nimmt er seine eigene Jugend aufs Korn, während Tom Richmond die Vorlage umsetzt. Richmond ist einer der wenigen, bei dem man beim Betrachten einer Seite vergisst, dass MAD-Hefte heute deutlich seltener erscheinen als früher – das ist kein schlechtes Zeugnis.

Eine Comic-Seite aus MAD #600 mit dem Titel „A Preteen's Gateway to R-Rated Movies“ von Autor Patton Oswalt und Zeichner Tom Richmond.
Erinnerungen eines Film-Nerds: Wie Comedian Patton Oswalt dank MAD verbotene Horror-Klassiker konsumierte.

„MAD A to Z“ lässt die aktuelle Zeichner-Riege aufmarschieren: Brent Engstrom, Hermann Mejia, Johnny Sampson und Ed Steckley. Wer gut hinschaut, merkt, wo jeder seine Stärken hat und wo es etwas ruckelt. Desmond Devlins TV-Satire „The Stupido“ tritt ordentlich nach und ist dabei nicht sonderlich daran interessiert, Freunde zu gewinnen – passt.

Das eigentliche Highlight dieser Ausgabe wartet auf der inneren Rückseite. Johnny Sampson übernimmt den Fold-In und beantwortet die Frage „What’s Next for MAD Magazine?“ auf die einzig richtige Weise: durch Zusammenfalten der Seite. Er imitiert Al Jaffee nicht – er versteht, warum der Gag funktioniert hat, und baut ihn von innen heraus neu. Wie nah das an das Original herankommt, muss jeder selbst entscheiden. Nah genug, um zu funktionieren.

Die Veteranen übernehmen

Sobald Mort Drucker, Jack Davis und Don Martin im Inhaltsverzeichnis auftauchen, ist klar, warum der Archivteil überhaupt existiert.

Druckers „The World’s Great Thinkers Go to a Baseball Game“ zeigt, warum aktuelles Karikaturenzeichnen so oft flach wirkt: Bei Drucker bewegt sich jede Figur, denkt sichtbar, nimmt Raum ein. Die Panels atmen. Man sieht das heute selten genug, dass es auffällt.

Jack Davis liefert einen herrlich schrägen Blick hinter die Kulissen eines dubiosen Versandhauses, geschrieben von Dick DeBartolo – einem Mann, der für MAD schrieb, als die meisten heutigen Leser noch nicht auf der Welt waren und DeBartolo trotzdem schon keine Pause kannte.

Und natürlich taucht Don Martin auf. „Don Martin’s Guide to Some Very Obscure Comics Sound Effects“ von Don Edwing bringt genau jene absurden Lautmalereien zurück, die man sofort hört, obwohl sie nur auf Papier stehen. SPROING. FLIP. ZAP. Mehr MAD geht kaum.

Das Zeug für die Sammler

Neben dem Aragonés-Cover sticht vor allem das exklusive „Spy vs. Spy“-Poster von Peter Kuper hervor. Kuper führt die Tradition von Antonio Prohias seit Jahren fort und liefert hier ein doppelseitiges Motiv ab, das an der Wand besser aussieht als die meisten Dinge, die dort hängen.

Das farbenfrohe Spy vs. Spy Jubiläumsposter aus MAD #600 von Peter Kuper mit dem zentralen Schriftzug und zahlreichen Slapstick-Fallen der beiden Spione.
Ewiges Duell im Großformat: Das exklusive „Spy vs. Spy“-Poster von Peter Kuper für die Meilenstein-Ausgabe.

Tom Bunk legt mit „Senior MAD Home“ noch eine Art Suchbild für Fortgeschrittene nach. Wer die Geschichte des Magazins kennt, wird auf jeder Seite bekannte Gesichter, Figuren und Insider-Anspielungen entdecken. Wer sie nicht kennt, hat jetzt einen guten Grund, das zu ändern.

MAD #600. Das ist die wichtigste Botschaft dieser Ausgabe. Keine Story, kein Gag, kein Poster – sondern einfach diese Zahl auf dem Cover, endlich wieder ohne Asterisk, ohne Reboot-Klammer, ohne Volume-Geschwurbel. MAD zählt wieder durch.

Wenn ihr das Heft in zwanzig Jahren für 80 Euro verkauft, denkt kurz daran: Nicht knicken, nicht stopfen, und den Fold-In nur dort falten, wo er gefaltet werden soll. Manche Verbrechen verjähren nie.

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