Vor einem Vierteljahrhundert veränderten die Terroranschläge des 11. September die Welt. Auch in der Unterhaltungsindustrie blieb kein Stein auf dem anderen, und die übliche Bande von Idioten beim MAD-Magazin sah sich gezwungen, in letzter Sekunde drastische Änderungen ihrer aktuellen Ausgabe vorzunehmen. Im Zentrum des Chaos stand die US-Ausgabe MAD #411.

Ein makaberer Zufall auf dem Zeichenbrett Für das Titelbild besagter Ausgabe hatte der legendäre Cartoonist John Caldwell eigentlich einen Seitenhieb auf den anstehenden New York City Marathon des Jahres 2001 entworfen. Sein Konzept zeigte unser aller Lieblings-Maskottchen Alfred E. Neuman, der das Absperrband eines Tatorts mit der Ziellinie des Marathons verwechselt. Im Hintergrund rennen die Teilnehmer ahnungslos durch die Straßenschluchten der Metropole, während ein Ermittler gerade die Umrisse einer Leiche mit Kreide auf den Asphalt zeichnet.
Ein klassischer, geschmackloser MAD-Gag – unter normalen Umständen. Nach den Angriffen auf das World Trade Center war die Redaktion jedoch genauso fassungslos wie der Rest des Landes. In ihrer Schockstarre kam offenbar niemand auf die Idee, dass eine Zeichnung von panischen Läufern in Downtown Manhattan neben einem toten Körper plötzlich alles andere als witzig war.
Die Rettung aus Wisconsin Ein drohendes PR-Desaster wurde glücklicherweise durch die aufmerksame Druckerei des Magazins verhindert. Quad Graphics aus Wisconsin griff zum Hörer und fragte bei den Redakteuren dezent nach, ob sie sich wirklich absolut sicher seien, exakt dieses Bild nach den jüngsten Ereignissen an die Kiosk-Stände zu bringen. Plötzlich fiel der Groschen. Die Antwort war ein klares Nein.
Das Problem: Caldwells Original-Cover war zu diesem Zeitpunkt bereits fertig gedruckt und wartete nur noch auf die Bindung mit den Innenseiten. Der Redaktion blieb genau ein einziger Tag, um ein völlig neues Konzept aus dem Boden zu stampfen und den Zeitplan der Druckerei einzuhalten.
Die damalige stellvertretende Art-Direktorin Nadina Simon musste improvisieren. Sie rettete die Situation, indem sie auf ein historisches Motiv zurückgriff: das ikonische Cover von MAD #30, dem ersten Heft, das Alfred offiziell als Maskottchen zierte. Simon wählte einen extremen Zoom auf Alfreds Gesicht und ersetzte seine berühmte Zahnlücke kurzerhand durch das Muster der amerikanischen Flagge.

Kriminelle Energien und Sammler-Mysterien Als MAD #411 schließlich in den Regalen lag, fehlte auf dem Cover jeglicher Bezug zum New York City Marathon. Im Heftinneren war der dazugehörige Artikel allerdings immer noch abgedruckt.
Damit war die Geschichte des Caldwell-Covers jedoch nicht beendet. Wie MAD-Zeichner Tom Richmond später enthüllte, witterte ein skrupelloser Mitarbeiter der Druckerei ein lukratives Geschäft. Er entwendete ungebundene Druckbögen des verworfenen Marathon-Covers und bot diese auf eBay an. Zwar wurden die Auktionen schnell wieder von der Plattform gelöscht, aber der Verbleib dieser gestohlenen Exemplare ist bis heute ungeklärt.
Aus dem Nähkästchen des MADmag.de Chefredakteurs An dieser Stelle noch eine persönliche Randnotiz für alle Hardcore-Sammler: Ich stand mit dem großartigen John Caldwell bis zu seinem Tod in Kontakt und hatte tatsächlich die Möglichkeit, das Original-Artwork dieses unglückseligen Covers direkt von ihm zu erwerben. Der Deal kam letztendlich leider nicht zustande und das Kunstwerk wanderte nicht in mein Archiv. Als Trostpflaster besitze ich jedoch das zurückgezogene Magazin in seiner ursprünglichen Form, welches in Sammlerkreisen heute einen beachtlichen Stellenwert und entsprechenden Wert genießt.



